Reise

Registrierung in Ufa

Nun sind wir schon seit etwas mehr als zwei Wochen in Ufa und es wird so langsam klar, dass es noch nicht wirklich abzuschätzen ist, wie lange sich das Ganze noch hinziehen wird: Denn selbst wenn die Kardanwelle, das dringend benötigte Ersatzteil für unser Auto, jetzt wider Erwarten doch schneller als gedacht durch den Zoll in Moskau geht, kann uns ja keiner garantieren, dass das Teil dann auch sofort eingebaut werden kann und vor allem auch wirklich passt. Wir gehen jetzt aber mal vom Besten aus und hoffen, dass das tägliche Update der DHL-Express-Sendungsverfolgung bald nicht mehr „Verzögerung beim Zoll“ lautet.

Die gesamte Lektion Ufa heißt Geduld für uns. Geduld und wieder Geduld. Die erste eindrucksvolle Demonstration dessen, durften wir bei unserer Registrierung erfahren. Im Prinzip ist die Sache mit der Registrierung sehr einfach: Wer sich länger als 7 Tage in Russland aufhält, muss sich registrieren lassen. Das geht sowohl bei der Migrationsbehörde als auch (theoretisch) in jeder Postfiliale. Wenn man eine Stadt verlässt und in eine andere Stadt reist, ist das Prozedere wieder notwendig: Man wird dann im Register der Stadt, die eben verlassen wurde, gelöscht, und in der „neuen“ Stadt eingetragen. Soweit so gut. Nun gibt es noch die kleine Herausforderung, dass man sich als ausländischer Bürger nicht selbst registrieren kann, sondern das immer über den Gastgeber geschehen muss. Das wiederum führt zu zwei weiteren kleinen Problemen: Beim wild Campen gibt es keinen Gastgeber, der einen registrieren könnte. Viele Gastgeber (Hostelbetreiber, AirBnB-Vermieter etc.) kennen weder den Prozess, noch die notwendigen Dokumente…

Unsere eigene Registrierungs-Odyssee beginnt ganz unkompliziert in Moskau, wo der sehr kompetente Campingplatz-Betreiber uns abends die Reisepässe abnahm und am nächsten Morgen die abgestempelten Dokumente übergab. Alles ganz easy. In Kazan fragten wir den Hostel-Betreiber ebenfalls und der winkte nur ab. Da wir aber sowieso noch ein paar Tage hatten, bis die nächste Registrierung fällig sein würde (Wer weniger als 7 Tage in einer Stadt bleibt, muss sich dort nämlich nicht registrieren.), nahmen wir das gelassen. In der nächsten Stadt stünde die Registrierung dann eben an. Als klar wurde, dass Ufa ein paar Tage länger unser Zwischendomizil sein würde, fingen wir uns an mit dem Prozess zu beschäftigen. Sebastian und ich stritten erst einmal um die Formalien: Er beharrte darauf, dass das ja wohl auch ohne die Vermieterin möglich sein müsste. Ich hingegen vermies auf die vielen Webseiten, mit sonst teilweise sehr widersprüchlichen Angaben,  (die besten und vollständigsten Informationen zur Thematik kann man hier finden: https://russlande.de/registrierung-russland/), die unisono erklärten, dass eine selbständige Registierung nicht möglich sei.

Am Ende hat Sebastian trotzdem gewonnen und Paula und ich haben stundenlang in der Warte-schlange auf dem Postamt verbracht um dann die Information zu erhalten, dass im Prinzip alles richtig sei, aber die gesamte Familie zur Registrierung anwesend sein müsse. Die nette Postangestellte am Schalter druckte mir aber freundlicherweise noch die notwendigen Formulare aus, damit ich die bereits zu Hause ausfüllen könnte. Zu Hause angekommen schickte ich Sebastian mit den Kindern auf den Spielplatz und machte ich mich über die Dokumente her. Leider gibt es die Formulare nur auf Russisch und sie müssen in tadelloser kyrillischer Druckschrift ausgefüllt werden. Die gestempelten Abschnitte der erfolgreichen Registrierung in Moskau zu Hilfe nehmend gab ich mein Bestes und versuchte mittels Mustererkennung und Kopieren alles Erkennbare auszufüllen. Ich war mit dem Ergebnis durchaus zufrieden und fand, dass sich mein Kyrillisch durchaus sehen lassen konnte. Zwar gab es noch einige von Google Translate unübersetzbare Lücken, aber um die machte ich mir keine Sorgen. Die Postangestellte sollte ja schließlich auch noch etwas zu tun haben.

Leider sah das die Postangestellte anders, als wir nachmittags zu fünft aufschlugen. Zunächst bemängelte sie meine (Rechtschreib-)Fehler auf den Dokumenten. Ein winziger Fehler führte dazu, dass das GESAMTE Dokument weggeschmissen wurde und wieder – per Hand – von vorn ausgefüllt. Mitten im Prozess des Ausfüllens erklärte sie mir, dass sie noch mehrere Kopien benötigte (Pass, Visum, Migrationskarte) und dass das Ganze sowieso nur möglich sei, wenn die Vermieterin persönlich anwesend wäre. Also doch. Warum sie das nicht bereits zu Beginn sagte ist mir schleierhaft, schließlich hätte sie damit mir und sich selbst viel Zeit sparen können. Außerdem sei es notwendig jedes Dokument ZWEIMAL auszufüllen. Nein, kopieren würde nicht gehen. Ja, es müsse alles per Hand ausgefüllt werden. Da ich ja so viele Fehler gemacht hatte, gab sie mir also alle Vordrucken noch einmal mit. Sei es drum.

Abends waren wir sowieso mit unserer Vermieterin Nasibulina verabredet um verschiedene Dinge zu besprechen. Da wollten wir sie noch um ihre Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente bitten. Sie kam mit einer Freundin. Die beiden waren sehr nett und hilfsbereit. Da Nasibulina nur Russisch spricht und ihre Freundin nur rudimentäres Englisch, war die Kommunikation denkbar kompliziert. Nachdem wir alle Kommunikationsprobleme und –missverständnisse ob der vor uns liegenden Vordrucke und deren Befüllung überwunden hatten (inklusive der amüsanten Suche nach der notwendigen und passenden kyrillischen Übersetzung für Ebersdorf und Guben, die Geburtsorte von Sebastian und mir), saßen die beiden über den 10 doppelseitig auszufüllenden Zetteln. Das Ganze nahm etwas mehr als 2 Stunden in Anspruch – die beiden hatten sich ihren Feierabend nach einem langen Arbeitstag sicherlich auch anders vorgestellt, machten aber gute Miene zum bösen Spiel.

Am übernächsten Tag waren Nasibulina und ich abends um 19 Uhr vor der Postfiliale verabredet. Ich hatte die 10 ausgefüllten Zettel, alle notwendigen Kopie in der Tasche – sie ihren Reisepass und gute Laune. So, jetzt ist ja alles hier – jetzt sollte es auch ganz schnell gehen. Es gab nicht einmal eine Warteschlange. Ich war schon fast euphorisch. Die Postangestellte, dieselbe vom Vor-Vortag, erkannte mich wieder und lächelte. Sie wechselte ein paar Worte mit Nasibulina und schnell wurde klar, dass sie ebenfalls ihren Pass kopieren müsse – auch wieder fünf Mal: Für jede Registrierung eine. Also blieb ich in der Post und wartete, die Postangestellte – anstatt die Dokumente wenigsten schon einmal durchzuschauen – beschäftigte sich mit etwas Anderem. Fünfzehn Minuten später war unsere Vermieterin wieder da. Nun fingen die beiden Frauen an zu diskutieren. Ich hatte keine Ahnung worum es ging. Die Stimmung war ziemlich angespannt. Später erklärte Nasibulina mittels Google Translate (ein Lob auf die Technik), dass noch ein Nachweis des Eigentums de Wohnung notwendig sei und dass unsere Vermieterin nicht verstand, warum die Postfrau das nicht schon vorher erwähnt hatte. Außerdem seien sehr viele Fehler auf den ausgefüllten Formularen (um das mal zu verdeutlichen: Ein Fehler ist in den Augen der Postdame beispielsweise bereits eine „1“ aus der später eine „2“ gemacht wurde – sie  legte echt eine „Null-Fehler-Toleranz“ an den Tag)  und alle Formulare müssten noch einmal ausgefüllt werden. Nach ewigem Hin- und Her stellte sich heraus, dass die Postangestellte die Formulare auch digital ausfüllen konnte – na bitte! Mittlerweile war es 20:30 Uhr, die Postfiliale bereits geschlossen und die Putzfrau mit Wischeimer unterwegs. Nasibulina machte sich auf den Weg nach Hause um den Nachweis über das Wohnungseigentum zu holen und ich wartete. Leider war es nicht so, dass die Postfrau sich jetzt beeilte oder so. In der Zwischenzeit gab auch der Drucker noch seinen Geist auf. Umständlich versuchte sie den Drucker auszutauschen, was nicht funktionierte. Auch das Tauschen der Druckerpatronen blieb erfolglos. Also wechselte sie nach einigem Hin und Her den Arbeitsplatz und fing wieder von vorn an. Langsam, ganz langsam, wich meine Geduld. In der Zwischenzeit war Nasibulina mit dem Nachweis zurück. Ich konnte es einfach nicht fassen, wie ineffizient dieses junge Mädel arbeitete.

Die Putzfrau war in der Zwischenzeit mit dem Filialbereich der Post fertig und putzte das Büro im Hintergrund und die beiden Kolleginnen unserer ineffizienten Freundin waren mit dem verplomben vieler unterschiedlich großer Postsäcke beschäftigt. Alle waren langsam müde und entnervt und naturgemäß traten auch mehr Fehler auf: Falsche Daten beim Ausfüllen der Dokumente, Unterschriften der Vermieterin an der falschen Stelle, falsches Abreisedatum aus Ufa – und so weiter und so fort. Leise Hoffnung kehrte zurück, als Jakobs Dokumente dann tatsächlich einen vorläufig endgültigen Status hatten und die Postangestellte den langersehnten Stempel auf die vielen Papiere setzte. Die Endorphine tanzten durch meinen Körper. Ist es möglich, dass wir den Prozess vielleicht doch noch heute abschließen würden? Doch dann stockte ich – ich stutzte bei dem Blick auf den Stempel. Sollte das wirklich möglich sein? Oder ist das russische Datumsformat eventuell auch einfach etwas anders? Auf dem Stempel stand „01.01.1900“. Mittlerweile war mein Handyakku leer, so dass mein lieb gewonnenes Google Translate nicht mehr half. Ich tippte Nasibulina an und wies verstohlen mit dem Finger auf das Datum auf dem fertigen Jakob-Brief. Sie schaute mich entgeistert an und fragte ihrerseits nach. Unsere Postfreundin fing fürchterlich an zu fluchen (zumindest klang das so – verstanden hab ich nichts) und das Prozedere startete von  vorn – inklusive der handschriftlichen Abschrift der Auflistung aller eingereichten Dokumente und Kopien, der neuen Ausdrucke sowie der erneuten Unterschriften auf allen Dokumenten.

Es war 23 Uhr als Nasibulina und ich durch den Personaleingang die Postfiniale endlich verließen. Wir konnten zwar sehr gut über Google Translate kommunizieren – sogar mit Witzchen und Ironie (Nasibulina: „Deine Familie denkt mittlerweile sicher du bist auf Nimmerwiedersehen verschwunden!“ Ich: „Du solltest Dir gut überlegen, ob Du Deine Wohnung wieder an Ausländer vermietest.“) – aber bisher überhaupt nicht ohne Tools. Jetzt waren aber beide Handy-Akkus erschöpft und es war dunkel und spät. Der Kommunikationsdrang nach diesem Erlebnis aber enorm. So hielten Polnisch, Englisch und Händisch her – es war wirklich lustig. Sie lud mich noch auf einen Kaffee ein bei sich zu Hause ein, worüber ich mich wirklich freute, aber die Wut in meinem Bauch, der Hunger und die Sehnsucht nach den Kindern war zu groß. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

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