Reise

Der (Import) Prozess – Verzögerung bei der Verzollung.

Auch ohne jedes Detail geplant und berechnet zu haben, wollten wir Ende August so ziemlich in Sichtweite der mongolischen Grenze sein. Stattdessen verbringen wir mittlerweile die 4. Woche in Ufa, einer Stadt, in der auch Einheimische Probleme haben, einem Empfehlungen für Aktivitäten oder Sehenswürdigkeiten zu geben, die über die Statue von Salavat Yulaev, einer Art Robin Hood der Bashkiren, im Zentrum hinausgehen.

Ausblick aus unserer Wohnung

Wie in den früheren Blogeinträgen bereits geschildert, hatte unser VW LT Anfang August einen Defekt unter anderem der Kardanwelle, der jede Weiterfahrt verhinderte.

Nachdem das defekte Teil über die Werkstatt nicht bestellbar war, hatte unser KFZ-Fachmann in Deutschland ein Neuteil bei einem deutschen Online-Händler gefunden, der auch den Versand nach Russland anbot. Wir entschieden uns für die Express-Variante, so sollte die Lieferung binnen weniger Tage bei uns ankommen. Einen Tag später blickten wir ungläubig auf die Statusanzeige der Sendungsverfolgung – das Paket war bereits in Moskau, „Bereit für die Verzollung“. Dabei konnte es sich ja nur noch um eine Formalie handeln und wir waren frohen Mutes und rechneten damit, spätestens eine Woche später wieder im Auto gen Osten zu sitzen.

In der Zwischenzeit hatten wir uns in Ufa einigermaßen häuslich eingerichtet. Unsere AirBnB Wohnung war zwar klein, aber geräumig genug, dass wir auch Regentage darin verbringen konnten, ohne binnen weniger Minuten in einen Lagerkoller zu verfallen. Jakob und Emil hatten gottlob die Motivation, mit Ihrem Schulstoff ordentlich vorzuarbeiten und im Wochenrhythmus abwechselnd erkundeten mal Rebekka und mal ich mit Paula sämtliche Parks, Einkaufszentren und einige Cafes der Stadt.

Fussballtraining in Ufa

Bei schönen Wetter gingen wir auf einen der wenigen guten Felder der Stadt Fußball spielen und lernten Leo, einen Jugendtrainer des FC Bashkiria kennen, der erst die Jungs zum Training und dann auch uns alle zu sich nach Hause einlud. Dort wurde für uns erst die Wasserpfeife gereicht und dann (bei 30 Grad) die Sauna angemacht, bevor es zum Abendessen in einer Art überdimensionaler Steinvase gebackenes Hühnchen und Kartoffeln gab – ein weiteres Beispiel für die teils überragende (Gast-) Freundlichkeit der Russen und eine willkommene Abwechslung und Zerstreuung während unserer Wartezeit.

Kartoffeln aus dem Steinkrug

Einen Tag nachdem unsere Lieferung bereit für die Verzollung war, lautete die Statusmeldung unserer DHL-Sendung „Verzögerung bei der Verzollung“. Das änderte sich auch die kommenden Tage nicht und wir wurden so langsam nervös. Eine diplomierte Dolmetscherin (Russisch-Deutsch), die Rebekka beim Fußball Training kennen gelernt hatte, konnte uns aber beruhigen. Wenn sie sich etwas in Europa bestellte, dann dauerte der Zoll wohl immer so 3-5 Tage. Express geht irgendwie anders aber da wir mittlerweile schon intensive Erfahrungen mit der russischen Bürokratie sammeln konnten, kam uns das erstmal normal vor – vermutlich mussten erst noch die Papiere in 4-facher Ausfertigung händisch abgeschrieben werden.

Leo, der Fußballtrainer des Jugendvereins hatte uns in der Zwischenzeit zu einem Spiel der russischen „Premier Liga“ (die russische 1. Bundesliga) eingeladen, er kannte den Präsidenten des Fußballverbandes von Ufa und kam kostenlos an Tickets. Der FK Ufa, ein eher mittelmäßiges Team, spielte ausgerechnet gegen Zenit St. Petersburg, den Tabellenersten und letztjährigen Meister – ein echtes Toppspiel also!.Obwohl jeder eine haushohe Niederlage erwartete, wurde es ein unerwartetes ausgeglichenes Spiel, welches Ufa am Ende sogar 1:0 gewann – das Stadion tobte (und unsere Kinder natürlich mit).

U-FA, U-FA!

Im Anschluss revanchierten wir uns mit einem Besuch in einem georgischen Restaurant inklusive Wasserpfeife und mehreren Gängen (die wir aufgrund der Sprachbarriere versehentlich bestellt hatten), es wurde ein langer, schöner und kulinarisch absolut lohnender Abend. Für Abwechslung sorgte auch Sima, die junge Katze unserer Vermieterin, die vier Tage bei uns zu Gast war. Nachdem wir in den vergangenen Wochen Schwierigkeiten hatten, vor 9 das Bett zu verlassen, waren unsere Kinder in diesen Tagen auf einmal um 6 munter und unterzogen das Tier einem derartig intensiven Beschäftigungsprogramm, dass diese sich bei jeder Unachtsamkeit unseres Nachwuchses unter dem Schrank versteckte (wo sie natürlich nie lange bleiben konnte).

Warten auf die Gelegenheit zur Flucht
Auch Beißen half nicht

 
Als am sechsten Tag in Folge nach wie vor eine „Verzögerung bei der Verzollung“ vorlag, griffen wir zum Hörer und kontaktierten zuerst den deutschen Verkäufer. Nach kurzer Nachfrage kam die Rückmeldung, dass die Post das Autohaus mehrfach vergeblich kontaktiert hatte und die Sendung jetzt wieder auf dem Rückweg sei. Eine leichte Panik machte sich breit. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Autohaus, wo uns zahlreiche Telefonate später versichert wurde, dass die Sendung nach wie vor beim Zoll liegen und noch ein paar Papiere fehlen würden. Sie hatten also noch nicht mal angefangen, die Formulare abzuschreiben, dachte ich mir, als ich mich vorerst wieder etwas beruhigte. Rebekkas Dolmetscherkontakt übernahm die Kommunikation und kurze Zeit später waren die Papiere per E-Mail an die Werkstatt zugestellt – jetzt konnte es nur noch eine Frage von Tagen sein…

In der Zwischenzeit verbrachten wir die Tage während des zunehmend schlechter werdenden Wetters in der Wohnung mit Lernen, Spielen und Basteln und die Tage sogar mit etwas Handwerksarbeiten am Auto. Auf Rebekkas Wunsch hatte ich die durchgebogenen Presspappeplatten im Kleiderschrank des Wohnmobils durch vernünftige Spanplatten ersetzt und Rebekka, Jakob und Paula begannen, wie besessen an einem Deckenprojekt zu häkeln. Die Jungs investierten ihr Taschengeld in nahezu einhundert Fantasy-Figuren (Minorauren, Zwerge, Skelette etc.) und schlugen epische Schlachten auf dem Fußboden und ich verbrachte mehrere Abende damit, die ausgebauten Spanplatten in Spielfelder für eine Art Tabletop-Rollenspiel zu verwandeln (leicht von einem Spiel names HeroQuest inspieriert, welches ich als Kind oft und begeistert bei einem Freund gespielt hatte) und lotste die Jungs mehrere Tage hintereinander als Helden in den Kampf gegen einen bitterbösen Nekromanten. Für solche Aktivitäten hatten wir zuhause in den letzten Jahren nur selten Zeit gehabt und wenn es auch nur für die Gelegenheit war (zumindest hin und wieder), zusammen als Familie einigermaßen kreativ tätig zu sein, hatte die Wartezeit doch auch etwas Gutes.

Am nächsten Tag erreichten uns dann wieder schlechte Nachrichten aus der Werkstatt. Der Zoll stellte sich stur und verweigerte die Freigabe des Pakets auch nach Zusendung der Dokumente mit einem Hinweis auf gravierende Verfahrensfehler. Wenn ich es richtig verstanden habe, hätte die Werkstatt das Teil wohl nachweisbar kaufen, bezahlen und registrieren müssen und auch der Vorschlag, im Nachhinein modifizierte Rechnungen und Belege bereitzustellen, stieß auf keine Gegenliebe. Die Rücksprache mit einem Anwalt ergab, dass der einzige legale Weg, an unser Ersatzteil zu kommen, in einem langwierigen und teuren Zertifizierungsverfahren bestand, von dem uns dringend abgeraten wurde. Somit hatte dann auch die Stimmung den absoluten Nullpunkt erreicht und vor meinem Auge zogen schon zahlreiche weitere Wochen in der Plattenbauschönheit Ufa vorbei. Auch die Suche nach Alternativen verlief ergebnislos: Über Google Maps suchte ich nach russischen Ersatzteillieferanten und landete erst in einem Batterieversand, einer Ruine (again) und abschließend in einem Etablissement, welches verdächtig nach Freudenhaus aussah.

Und bei aller Liebe zu Russland und fremden Gepflogenheiten: Ich verstand das Problem einfach nicht. Wir wollten ja keine lebenden Tiere, Medikamente oder Nanoviren einführen, sondern einfach ein Stück Metall mit zwei Gelenken per Post verschicken – in Russia: no way, you fool!

Leider ist Ufa keine Schönheit


Als ich schon wieder ernsthaft den Gedankengang aufnahm, unser Wohnmobil doch gegen einen geländegängigen Lada einzutauschen, rief erneut die Werkstatt an. Sie hätten einen Schweißer gefunden, der uns das Teil für einen Bruchteil der Kosten des deutschen Originalteils einfach selbst binnen weniger Tage herstellen könne. Da war ich kurz baff. Genau diese Frage hatte ich vor drei Wochen schon gestellt und damals hieß es noch, dass dies teurer sei als unser ganzes Auto. Damit konfrontiert meinten sie nur: Wir dachten, sie wollen unbedingt ein Originalteil worauf ich mit leicht sich überschlagender Stimme ihnen versicherte, dass mir aktuell die genaue Herkunft des Teils herzlich egal sei, solange es nur verlässlich seinen zweckmäßigen Dienst verrichten würde

Nachdem mir das zugesichert werden konnte, gaben wir die Produktion in Auftrag. Der deutsche Verkäufer der Kardanwelle erwies sich zum Glück als kooperativ und humorbegabt und nachdem wir uns gütlich über eine Rücknahme und Kostenrückerstattung geeinigt hatten, genossen wir die befreiende Wirkung entspannten Lästerns über die russische Zollbürokratie. 

Am kommenden Tag (heute) wurde mitgeteilt, dass wir das Auto am nächsten Tag fertig repariert abholen könnten. Den aufkeimenden Gedanken, völlig sinnlos drei Wochen verschwendet zu haben, verbannte ich eiligst wieder ins Unbewusste. Positiv zu vermerken bleibt immerhin, dass uns die komplette Reparatur inklusive mundgeblasener und handgeklöppelter Kardanwelle nur etwa die Hälfte des deutschen Originalteils (inklusive Versand) kosten würde.

Und vor allem, dass es endlich weitergeht.
Mit dem Uralgebirge in Rufweite melden wir uns das nächste Mal dann hoffentlich aus Asien.

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