Reise

Sibirische Mücken und das Altai-Gebirge

Wir hatten den Tag unserer Weiterfahrt so sehr herbeigesehnt und wurden auch wirklich belohnt: Unser erster Tag nach Ufa war wirklich wunderschön. Die ganze Zeit über waren wir so nah am Uralgebirge und kurz vor Asien und jetzt sollten wir endlich die Grenze zwischen Europa und Asien überqueren. Die Kinder haben fast die gesamte Fahrt lang gelesen und waren sehr friedlich. Wir schauten angestrengt aus dem Fenster auf der Suche nach einem Anzeichen für den neuen Kontinent – ein „Willkommen in Asien“ oder so. Irgendetwas. Aber es war nichts zu sehen.

Geschlafen haben wir am ersten Abend auf einer Sky-Diving Base bei einem sehr einsilbigen aber netten Typen. Er erklärte uns dann, dass wir bereits in Asien seien. Krass – der Übergang ist also völlig sang- und klanglos vorübergegangen. Wir sind dann ein wenig auf dem Flugplatzgelände herumgelaufen und der Typ zeigte uns seine vielen alten Flugzeuge. Es war superkalt und wir mussten unsere Mützen und Schals erstmals zum Einsatz bringen. Händewaschen und Abendessen sind noch nie so schnell gegangen…Sebastian und ich haben abends selig zusammengesessen und unsere aus Deutschland mitgebrachte Flasche Rotwein getrunken, die eigentlich für die Ankunft in Russland bestimmt war und nun eben für die Ankunft in Asien genutzt wurde.

Die nächsten Tage haben wir versucht möglichst viele Kilometer in möglichst kurzer Zeit hinter uns zu bringen. Wir haben die Herbstferien für die Kinder vorgezogen und eine Woche mit der Schule ausgesetzt um die knapp 2000 Kilometer bis Novosibirsk zu schaffen. Zum einem ging es darum ein bisschen von der „verlorenen Zeit“ in Ufa wieder aufzuholen, zum anderen wollten wir uns darüber klar zu werden, wie genau die Reise weitergehen sollte – auch abhängig von der genauen zeitlichen Ankunft in Novosibirsk.

Wir haben es sehr genossen endlich wieder in der Natur zu sein. Das Wetter spielte meist auch wirklich gut mit. Die Tage verliefen relativ eintönig: Wir sind jeden Tag ohne Frühstück losgefahren, haben im Auto gegessen und sind im Prinzip ohne Pause bis zum späten Nachmittag, teilweise bis zum frühen Abend, durchgefahren. Zwischendurch gab es Tankstellen- oder Pullerstops. Ab und zu hielten wir um einzukaufen oder frisches Trinkwasser zu besorgen.

Die Landschaft in Westsibirien ist wenig abwechslungsreich und unsere Schlafplätze waren alle sehr nah des Highways. Mit unserem Wohnmobil ohne Allradantrieb trauten wir uns nicht so weit auf die Feld- und Wiesenwege – die waren meist ziemlich verschlammt. Das eine oder andere Mal sind wir schon ziemlich ins Rutschen gekommen. So zogen wie die weniger idyllischen, aber die Weiterfahrt sichernden Schlafplätze vor. Der Straßenlärm störte nicht so sehr wie anfangs befürchtet. Unter anderem auch deshalb nicht, weil wir meistens sowieso nicht so lange im Freien saßen – im sumpfigen Sibirien herrscht eine regelrechte Mückenplage. So gesehen waren wir froh, erst im Frühherbst hierhergekommen zu sein. Der Sommer muss es hier wirklich unerträglich sein.

In Novosibirsk angekommen, haben wir uns schweren Herzens endgültig gegen die Mongolei entschieden. Alles andere wäre unvernünftig im frühen Herbst,ohne Allrad und mit drei Kindern an Board. Winter is coming – und hier eben deutlich früher als in Europa. Wir werden nun also direkt Richtung Süden fahren. Die Kinder haben sich zum Abschied aus Russland noch Gebirge gewünscht, also sind wir ins Altai-Gebirge gefahren. Die Straße Richtung Süden von Novosibirsk aus war eine Wohltat für die Augen: Der Chuysky-Trakt verbindet Novosibirsk mit der mongolischen Grenze, ist zu Beginn hügelig und läuft später parallel zum Fluss Katun. Nach den endlosen Wiesen, Birkenwäldern und Sümpfen wirklich eine Abwechslung. Hier trafen wir auch erstmals seit Moskau wieder andere Europäer und sogar einen Jeep aus München. Sprechen konnten wir leider mit niemanden, da die Begegnungen immer auf dem Highway stattfanden, aber euphorisches Gehupe auf beiden Seiten war auch schön.

Am Manzherok See blieben wir dann ganze vier Tage. Auf einer Art Campingplatz mit vielen Hütten und Gemeinschaftsduschen sowie Toiletten direkt am Flussufer richteten wir uns ein. Die Hauptsaison ist seit Anfang September, dem Schulstart in ganz Russland, vorbei und wir waren, abgesehen von zwei, drei Pärchen, die das Wochenende am Fluss verbrachten, die einzigen Gäste. Es war ein bisschen unheimlich so ganz allein auf dem riesigen Gelände mit Disko-Anlage, Fluß-Strand-Bar und großer Cafeteria. Zur Hochsaison finden hier sicher 500 Gäste Platz. Die Einsamkeit hatte aber auch ihre Vorteile: Die Gemeinschaftsduschen und Toiletten hatten wir exklusiv für uns.

Das Wetter war noch einmal wirklich schön und wir verbrachten viel Zeit am Fluß. Die Kinder bauten stundenlang Staudämme, kletterten auf Felsen herum und spielten Vaiana und Seeräuber Moses nach. Abends gab es Lagerfeuer und Stockbrot. Ein Würstchen-Grillversuch ging leider mächtig in die Hose – wir hatten aus Versehen etwas Hackfleischartiges gekauft, dass bei der Hitze sofort auseinanderfiel und direkt im Feuer landete.

Nach der langen Zeit ohne Dusche und fließend Wasser war es mal wieder an der Zeit alle Poren zu reinigen. Auf dem Gelände gab es ein sehr rustikales Banja mit Zinnwannen. Als wir nach einer kleinen Tour durch die Gegend gegessen hatten ging es dann abends in Banja. Ich nahm Spiele, Getränke und Kekse mit und freute mich auf die nächsten Stunden. Ich war sehr gespannt wie die Kinder auf das Banja reagieren würden. Sebastian fing schon zu murren, als ihm dämmerte, dass das keine einfache Sauna war, sondern wir uns im Dampfraum waschen würden. Der Vorraum, in dem der Holzofen angeheizt wird, und der als Aufenthaltsraum nach dem Saunagang dient, ist ebenfalls sehr warm. Im Daumpfraum selbst herrschten über 90 Grad. Die Kinder hatten viel Spaß und begossen sich immer wieder mit dem eiskalten Leitungswasser. So gern haben sie sich noch nie gewaschen. Nach 20 Minuten wurde es Sebastian zu viel und er ging. Emil folgte kurz darauf aus Solidarität. Jakob, Paula und ich blieben insgesamt bestimmt zwei Stunden und hatten sehr viel Spaß. Wir begossen uns ständig gegenseitig mit eiskaltem Wasser und philosophierten über Russland, Weihnachten und Geburtstagswünsche. Ich musste die Kinder dann förmlich aus dem Daumpfraum herauszerren – sie wären noch länger geblieben. Vielleicht bauen wir uns in Schöneiche eher ein Banja als eine Sauna…

Nach den sehr ruhigen und harmonischen Tagen in Manzherok haben wir uns auf den Weg nach Kasachstan gemacht. Landschaftlich war die Transitstrecke sehr schön. Wir sind durch Berge, Steppen und vorbei an Seen gefahren. Je näher wir an die Grenze kamen, umso aufgeregter wurden wir. Würden wir wieder so lange warten müssen wie an der estisch-russischen Grenze? Würden die Informationen auf unseren Migrationskarten ausreichen? Hatten wir genügend Registrierung vorgenommen? Außerdem würden wir noch eine Autoversicherung für Kasachstan abschließen müssen. Wie kompliziert würde das wohl werden? Unsere Befürchtungen waren komplett unbegründet: Die Versicherung zu kaufen war ziemlich unkompliziert und in insgesamt 3 Stunden passierten wir ohne größere Vorkommnisse die Grenze.

Die einzige Kuriosität bestand im Ablauf am russischen Zoll: Der Zöllner fragte: “Habt ihr Drogen dabei?“, Sebastian verneinte. „Habt ihr Waffen dabei?“, fragte der russische Zöllner weiter. Sebastian überlegte kurz, ob er die Holzschwerter und –dolche der Kinder erwähnen sollte, lies es aber bleiben und verneinte. Der Zöllner fragte weiter: „Habt ihr Bücher dabei?“. Diese Frage musste Sebastian nun aber mit „Ja“ beantworten. Schließlich hatten wir einige Bücher mit. Der Zöllner antwortet darauf mit „Bitte zeigen“. Sebastian musste dann JEDES einzelne Buch zeigen und JEDEN Titel – ein Hoch auf Google-Translate – übersetzen. Irrsinn. Der Kasachische Zöllner setzte sich einfach auf den Beifahrersitz – stellte ebenfalls die ersten beiden Fragen und wünschte uns, nachdem Sebastian beide Fragen verneint hatte, eine gute Fahrt. Fertig. Direkt hinter der Grenze begann die Steppe – Kasachstan!!!

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