Reise

Kasachische Steppe – unendliche Weiten

Kulturell war Russland ein Erlebnis und auch die Menschen waren, wenn auch manchmal ruppig, so doch stets nett und hilfsbereit.  Landschaftlich betrachtet muss ich allerdings gestehen, von Russland etwas enttäuscht gewesen zu sein. Von wenigen Ausnahmen (Ural und Altai-Gebirge) und einigen neuen Variationen (Sümpfe in Sibirien) abgesehen, sah Russland von St. Petersburg bis Novosibirsk aus wie eine Verlängerung von Ost-Brandenburg. Eine flache Wälder-, Felder- und Seenlandschaft hat zwar auch ihre Reize, aber nach einigen Monaten des Ewig-Ähnlichen wünschte ich mir doch mal etwas anderes. 

In Kasachstan sollte sich all dies ändern. An der Grenze wollten die ruppigen, netten russischen Grenzbeamten den Titel jedes unserer Bücher übersetzt haben, weil die der felsenfesten Überzeugung waren, dass wir als Deutsche auf jeden Fall (das auch in Russland verbotene) „Mein Kampf“ mit uns führen würden. Im Nachhinein war ich froh, dass sie diese Übung nicht auch mit unserer mehrere hundert Titel umfassenden Kindle-Bibliothek vollzogen, zumal ich mir nicht mal sicher war, dass diese Sammlung nicht auch diesen Titel als Kuriosum enthielt. Auf der kasachischen Seite ging das deutlich schneller: Der Grenzbeamte fragte nach Bomben, Waffen und Drogen, ließ sich das Auto zeigen und wünschte uns gute Reise nicht ohne vorher noch um ein gemeinsames Foto zu bitten.  

Nukleare Katastrophen

Unsere erste längere Station machten wir in Semey, einer mittelgroßen Stadt gegen die auch das russische Ufa wie eine ausgemachte Schönheit wirkte. Direkt nach unserer Ankunft lernten wir Ches kennen, einen Italiener, der in die Stadt gekommen war, um das ehemalige sowjetische Nuklearwaffentestgelände in der Nähe zu besichtigen.Über einen Zeitraum von 40 Jahren hatten die Sowjets mitten in der kasachischen Steppe über 400 Nuklearwaffen (insgesamt mit der 2500 fachen Sprengkraft der Hiroschima-Bombe) getestet. Leider war die unmittelbare Umgebung des Testgeländes nicht so unbewohnt gewesen wie damals in den offiziellen Verlautbarungen behauptet und so haben über die Jahre zahlreiche Menschen an den Nachwirkungen radioaktiver Strahlung gelitten. In Semey selbst ist die Strahlenbelastung selbst 20 Jahre, nachdem die letzte Bombe gezündet wurde angeblich noch deutlich über internationalen Strahlenschutzgrenzwerten, was auch heute noch zu einem erhöhten Risiko von Erkrankungen und Fehlgeburten führt.  Aus naheliegenden Gründen verzichteten wir auf einen Besuch des verstrahlten Testgeländes und nachdem wir zwei Tage Schule gemacht, unsere Wäsche gewaschen und unsere Vorräte aufgestockt hatten, brachen nach Süden Richtung Almaty auf. Zu seiner großen Enttäuschung fand Ches keinen Weg zum Nukleartestgelände und schloss sich uns spontan für einen Fahrtag an – den Rest wollte er per Bus zurücklegen.    

Wäsche waschen in Semey

Steppenfreuden

Ches verdiente sich seine Mitfahrt indem er die Kinder bespaßte so dass Rebekka und ich die fremdartige Landschaft bestaunen konnten. Unmittelbar nach Semey begann die kasachische Steppe. Eine endlose, trockene Fläche nur spärlich von Gräsern und Kräutern bewachsen und nahezu baumfrei. Durch das Fehlen jeglicher nennenswerter Erhebung wirkt der nur von wenigen Wolken bedeckte Himmel gigantisch. Und nicht nur die Landschaft änderte sich, auch die Kultur wurde sichtbar anders. Waren in Russland  beispielsweise noch orthodoxe Friedhöfe allgegenwärtig (meist im Wald gelegen), wurden diese nach und nach durch muslimische Friedhöfe verdrängt, die aus Miniaturausgaben von Mausoleen, Moscheen und Pyramiden bestückt waren. In Russland sah man ab und an neben der Straße einige Kühe, in Kasachstan konnte jederzeit eine riesige Pferdeherde die Autobahn überqueren. Wir mussten unser Einkaufsverhalten umstellen und mehr Vorratshaltung betreiben, da es sein konnte, dass wir einen ganzen Tag lang keinen Laden sahen, von Supermärkten ganz zu schweigen.

Dorferkundung beim Wasseraufpumpen

Glücklicherweise gibt es in regelmäßigen Abständen Wasserpumpen an denen wir unser Trinkwasser auffüllen konnten. Diese standen meist in kleinen Dörfern und sehr zur Freude der lokalen Bevölkerung nutzten unsere Kinder jedes Mal die Gelegenheit, die zahlreichen Hühner, Hunde, Katzen, Pferde, Kühe etc. zu besichtigen. Wenn der Mond nicht schien, war die  spärliche Steppe von einem grandiosen Sternenhimmel bedeckt. Wenn wir bei angenehmen 15 Grad mit einem Glas Wein in der Hand in der nächtlichen Steppe saßen und die Sterne zählten, dann waren wir genau da, wo wir mit der Reise sein wollten.   

Einen Schreckmoment gab es auch. Mitten im Nirgendwo kurz nach Mitternacht hämmerte es gegen unsere Wohnwagentür. Als ich schlaftrunken die Tür öffnete, leuchteten mir drei Polizisten ins Gesicht und fragten mich in gebrochenen English, was ich hier machen würde – vielleicht hatten bei altem Wohnmobil und wüstenähnlicher Landschaft eher an ein Metamphetaminlabor als eine Famile gedacht. Tatsächlich waren in der Gegend aber 16 Kühe gestohlen worden und nachdem die Gesetzeshüter sich vergewissert hatten, dass die Kühe nicht im Wohnmobil waren, verabschiedeten sie sich wieder.

The roads are going to be bad

Getrübt wurden die Steppenfreuden nur durch die Qualität der kasachischen Straßen. Wir wurden zwar vorgewarnt, hatten aber keine Vorstellung wie schlecht eine Straße tatsächlich sein kann. Rillen, Beulen, plötzliche Senken, Rollen und Schlaglöcher so groß wie das Saarland – auf kasachischen Straßen zu fahren kann seekrank machen. Die Autobahn (sic!) war teilweise so schlecht, dass wir nicht viel schneller als 30 fahren konnten. Wurde sie dann doch mal streckenweise befahrbar fühlte man sich mit 60 wie im Geschwindigkeitsrausch. Allerdings war eine solche Geschwindigkeit immer riskant, denn wie aus dem Nichts kam früher oder später die nächste Bodenwelle bei der gefühlt das gesamte Fahrzeug abhob. Den Tiefpunkt erreichte die Straßenqualität im Altyn-Emel Nationalpark, in dem man auf unasphaltierten Waschbrettpisten unterwegs war, auf denen man maximal 25km/h fahren konnte so dass wir für ungefähr 200km 8-10h brauchten. 

200km Schotterpiste – aber es hat sich gelohnt!

Landschaftlich gehörte der Park zu den Highlights der bisherigen Reise. Von wunderschönen Gebirgszügen eingerahmt war der Park riesig und nur von einigen Rangern und ihren Frauen bewohnt, die weit verstreut in Oasen-artigen Gärten wohnten, 30 mal am Tag die Schranke öffneten und ansonsten Obst und Gemüse in ihren Gärten anbauten. Mitten in der Steppe ragte am westlichen Ende des Parks die Singende Düne auf, eine 2km lange, riesige Sanddüne, die Tuba-ähnliche Geräusch von sich gab, wenn der Sand sich bewegte. Nach zwei Nächten bei den Rangern und einem Abstecher zum alten Weidenbaum, den angeblich Dschingis Khan schon berührt hatte, machten wir uns auf den Weg nach Almaty. 

Auf dem Weg zur Singenden Düne

Geselligkeit in Almaty

Dort ließen wir das Auto in einer Werkstatt prüfen und Öl, Ölfilter und die hinteren Stoßdämpfer wechseln. Wir schliefen in einem Hostel, welches außer uns Großteils Kasachen, Russen, Tadschiken und Aserbaitschaner als Unterkunft nutzten während sie in Almaty arbeiteten. Am Wochenende organisierten die Bewohner ein kleines Grillfest um den Geburtstag von Neyla zu feiern, einer unglaublich lebenslustigen Kasachin, die Paula mit Nagellack und kunstvoll geflochtenen Zöpfen und mich mit lokalen Rezepten beispielsweise für einen schmackhaften Plov versorgte. In Deutschland würde ein solches Event typischerweise folgendermaßen ablaufen: Es wird gegrillt, es wird gegessen, es wird getrunken und erzählt und dann ist Feierabend. In Kasachstan wurde 4h lang gegessen und immer neues Huhn oder Lamm über offenem Feuer bereitet. Der Reihe nach sprach jeder Teilnehmer einen Toast auf das Geburtstagskind aus, was durchaus in einen 10-minütigen Monolog ausarten konnte und anschließend wurde das Glas geleert. Mit zunehmender Dauer des Abends wurden die Vorträge emotionaler und verloren den Bezug zum Anlass – manche drückten wortreich ihre Freude über das Zusammensein aus, andere rechtfertigten und bekräftigten Lebensabschnittsentscheidungen – ein Brauch, der mir völlig fremd war, den ich aber sehr sympathisch und faszinierend fand. Zwischendurch holte Rebekka die Gitarre raus und es wurden deutsche, englische, russische und kasachische Pop- und Volkslieder gesungen.  

Zwei Russen, drei Kasachen, ein Tadschike und ein Deutscher gehen in die Sauna.  

Was wie der Beginn eines schlechten Scherzes klingt, war der Abschluss des Abends den die Männer zusammen in der Banya verbringen wollten. In den ehemaligen Sowjetrepubliken ist die Saune strikt nach Geschlechtern getrennt und man geht in Unter- oder Badehose, aber keinesfalls nackt. Auch die Art des Saunagangs war völlig anders. Nach dem Entkleiden gingen wir sieben Männer in den 4 Quadratmeter großen Schwitzraum. Kaum war die Tür zu, begann der Taxifahrer Artem mit dem Aufguss. Nachdem die ersten sechs Kellen Wasser auf den heißen Steinen verdampft waren, brannte die Luft beim Einatmen in den Lungen. Mit seiner tiefen Bassstimme rief Artem nur „Banya!“ was bei ihm wie ein Schlachtruf klang. Es folgten weitere drei Kellen woraufhin der erste Kasache fluchtartig den Schwitzraum verließ. Nach weiteren drei Kellen japsten alle und die Luft begann zu flimmern. Da ich mir als Gast nicht die Blöße geben wollte, hielt ich es aus bis nur noch ein weiterer Kasache übrig war. Dann ergriff auch ich die Flucht. Die ganze Sache hatte nur drei Minuten gedauert und ich hatte mir die Anerkennung der anderen verdient. Im Ruheraum stand nicht etwa Wasser sondern gut 20 Liter eiskaltes Dosenbier. Jeder rauchte, goß einen halben Liter Bier in sich hinein und es wurden nicht-jugendfreie Anekdoten zum Besten gegeben. Dann begann der zweite Gang, der im Prinzip wie der erste ablief. Nach dem vierten Gang wankte ich ins Bett – am nächsten Morgen erfuhr ich, dass der harte Kern es auf insgesamt 10 Gänge gebracht hatte. Eine durchaus interessante Erfahrung, auch wenn dieser Saunagang nicht ganz so viel mit „Wellness“ zu tun hatte wie zuhause.     

Wir lernten viele interessante Menschen und deren Geschichten kennen fast bedauern wir, morgen weiterzufahren. Aber der Winter naht und zuvor wollen wir noch die Berge Kirgisistans und Usbekistans passiert haben.

Auf ins Gebirge!

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