Reise

Kirgistan

Es ist schwer zu beschreiben, was in den vergangenen drei Wochen, seit wir Almaty verlassen haben, passiert ist. Wir sind nicht nur in einem anderen Land, sondern irgendwie in einer komplett anderen Welt gelandet. Natürlich gibt es viele Dinge, die wir wiedererkennen und ansatzweise auch schon in Kasachstan erlebt haben. Aber Kirgistan ist in vielerlei Hinsicht so viel beeindruckender als der, zugegebenermaßen winzige, Reise-Ausschnitt den wir in Kasachstan erleben durften. Kirgistan ist das erste Land auf unserer Reise, das tatsächlich zentraler Bestandteil der Seidenstraße ist. Osch, die Stadt in der dieser Blogeintrag entsteht und zweitgrößte Stadt Kirgistans – der Legende nach mehr als 3000 Jahre alt – war schon immer Handelszentrum und beherbergte einst einen der größten Märkte entlang der Seidenstraße (Osch bedeutet so viel wie „großer Seidenstraßen Bazar“). In Kirgistan gibt es, im Gegensatz zu Kasachstan, wo wir Jurten ausschließlich in touristischen Zusammenhängen entdecken konnten, tatsächlich eine nomadische Kultur. Leider haben wir diese aufgrund des fortschreitenden Herbstes knapp verpasst und finden nun nur noch die verlassenen „Stellplätze“ der Jurten: Unschwer zu erkennen an kreisrunden, mit Kieselsteinen geebneten Flächen in Steppe und Bergen.

Allein der Grenzübertritt ist schon erwähnenswert: Wir haben einen recht kleinen und unscheinbaren Übergang bei Karkara gewählt. Der Übergang ist täglich zwischen 8 und 18 Uhr besetzt und der Weg bis zum Übergang absolut verlassenes Niemandsland. Dadurch, dass offensichtlich kein Mensch außer uns diesen Übergang wählt, war das gesamte Grenzspektakel innerhalb von 50 Minuten erledigt. So schnell ging es noch nie! Später haben wir erfahren, dass er Übergang wohl nur bis Ende Oktober geöffnet ist. Also hatten wir mit dem Timing mal wieder Glück.

Wie bereist so oft beschrieben, änderte sich auch hier direkt hinter der Grenze die Landschaft enorm. Unser erster Stellplatz war direkt an einem kleinen Fluss vor einem wirklich märchenhaft bewaldeten Hügelpanorama. Morgens wurden wir von einer kleinen Herde Kühe geweckt, die in unmittelbarer Nähe unseres Autos weideten. Wir waren sofort verliebt in Kirgistan.

Die kommenden Tage haben wir am Yssykköl verbracht. Der See ist der zweitgrößte Gebirgssee der Welt (nach dem Titicacasee) und liegt auf 1600 Metern Höhe. Eine echte Besonderheit des Sees ist, dass er trotz der teilweise extrem niedrigen Lufttemperaturen (bis zu -20 Grad) nie gefriert. Der See ist war ein echtes Highlight, landschaftlich wunderschön und das Beste: Wir waren sogar noch einmal alle baden (obwohl Sebastian sich fast täglich mit dem hereinbrechenden Winter beschäftigt), obwohl wir fest davon ausgegangen sind, dass das in diesem Jahr nicht mehr passieren wird. (Wenige Wochen später sollten wir noch einmal das Glück haben baden zu können – aber dazu später).

Dadurch, dass wir am Ende der Saison unterwegs sind treffen wir wirklich wenige Reisende. Durch Zufall sind wir aber, in unmittelbare Nähe des Sees, doch in eine größere Reisegruppe geraten als wir eine Jurten-Manufaktur besucht haben. In diesem Falle war es wahnsinniges Glück, denn wir sind mitten in einen LIVE-Jurtenaufbau hineingeplatzt. Das war wirklich sehr spannend und lehrreich. Die Kinder waren so Feuer und Flamme, dass wir mit dem Auto außerhalb des Ortes halten mussten um Weidenzweige abzuschneiden. Der Plan stand fest: Wir werden selbst eine Jurte zu bauen. Jakob wollte unbedingt auch solche schönen Bänder weben, die zum Befestigen der Weidenzäune in der Jurte genutzt werden. Leider war die Enttäuschung relativ bald ziemlich groß, da unser Miniatur-Jurtenbau nicht ganz so reibungslos und elegant vonstattenging, wie wir es eben bei den Profis gesehen hatten, was vor allem bei unserem Perfektionisten Jakob für Frust sorgte.

Ein großer Wunsch der Kinder war endlich mal Reiten zu gehen. Da wir schon häufiger gelesen hatten, dass Reiten in Kirgistan problemlos möglich sei, hatten wir fest vor, diesen Traum nun auch umzusetzen. Die Erfahrungen in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern lehrte uns, dass wir vermutlich wenig Probleme haben, als absolute Laien trotzdem viel Freiheit und eine wunderschöne Zeit auf den Pferden haben würden. Am Songköl sollte es dann soweit sein. Morgens trafen wir uns mit zwei Guides, von denen einer etwa drei Worte Englisch sprach. Unser Auto stellten wir auf dem kleinen Grundstück des Pferdebesitzers ab und stiegen auf die vier bereits gesattelten Pferde. Jakob und Emil durften ebenfalls allein reiten – Paula wurde mal von dem einen, mal von dem anderen Guide mit aufs Pferd genommen. Wir sind ca. 6 Stunden bergauf geritten und hatten alle sehr viel Spaß, lachten und scherzten. Besonders Emil, der sein armes Pferd permanent antrieb („Jiihaaaa!“), war im Paradies. Als wir am späten Nachmittag endlich an den Jurten am Songköl ankamen, waren wir alle ziemlich kaputt und die Höhe von 3400 Metern machte sich bei Jakob und mir sehr bemerkbar. Einen weiteren Dämpfer brachte der Anblick der abgesattelten Pferde: Zwei der Pferde hatten wirklich große offene Wunden am Rücken – direkt unter dem Sattel. Eines davon war das Pferd, auf dem Jakob ritt. Er machte sich wahnsinnige Sorgen und wollte auf keinen Fall wieder auf das Pferd steigen. Wir haben versucht in zu beruhigen und gesagt, dass wir das Morgen ansprechen und schauen werden, wie es dem Pferd geht.

Abends wurde unsere wunderschöne Jurte, in der wir alle fünf auf einer riesigen Liegewiese unter jeweils zwei dicken Federbetten schlafen konnten, mit getrocknetem Kuhdung angeheizt, so dass auch wirklich niemand frieren musste. Sehr zeitig und sehr selig sind wir dann eingeschlafen.

Am nächsten Morgen war der Boden von einer zarten Schneedecke bedeckt und es war bitterkalt. Die Kinder haben sehr gefroren und ich war sehr froh, dass ich sämtliche Handschuhe, Wollmützen und Regenhosen mitgeschleppt habe, obwohl wir tags zuvor knapp 800 Höhenmeter weiter unten in T-Shirt losgeritten sind. Da wir alle sehr gefroren haben und wirklich nur noch zurück ins Dorf wollten blieb auch dem armen Jakob keine andere Wahl, als auf das verletzte Pferd zu steigen. Wir trösteten uns und ihn damit, dass es vermutlich die letzte Tour der Saison für das arme Tier sein würde, da keine Touristen mehr zu erwarten sind und die Jurten am See auch demnächst abgebaut würden. Paula weinte den halben Weg nach unten. Erst unterhalb der Schneegrenze hellte sich ihre Laune wieder etwas auf. Dafür wurde Jakobs Laune dann immer schlechter, denn sein Pferd hat mehrmals versucht ihn abzuwerfen und es schlussendlich auch geschafft. Jakob hat mit dem Tier still gelitten. Wir waren alle froh, als es vorbei war. So schön er Hinweg auch war, der Rückweg war für alle eine Qual.

Leider hatten wir in der Höhe auch schon mehrfach Probleme das Auto zu starten. Nach mehreren Versuchen klappte es dann doch irgendwie immer wieder, aber schön war das auf uns nicht. Deshalb führte die nächste Station in die Hauptstadt Bishkek, wo wir uns schnelle Hilfe für unser Auto erhofften. Leider weit gefehlt. Irgendwie fanden wir keine Werkstatt, die sich wirklich die Zeit nahm dem Problem genau auf den Grund zu gehen. Am Ende gab man uns den Tipp neue Glühkerzen und ein neues Vorglührelais zu besorgen, die dann eingebaut werden könnten. Scheinbar waren auch hier die notwendigen Ersatzteile nicht zu beschaffen. Da das Auto in Bishkek selbst (auf 800 Höhenmetern durchgehend bei sehr gutem Wetter) immer vollkommen problemlos ansprang entspannten wir uns und läuteten im nahe gelegenen Al-Archa Nationalpark die Herbstferien ein.

Im Park angekommen entdeckten wir ein riesiges Expeditionsfahrzeug aus München und lernten Thomas und Conny kennen, die bereits seit 7 Jahren ununterbrochen unterwegs sind – fünf Jahre davon in Afrika. Mit den Kindern haben wir abends Lagefeuer gemacht und Stockbrot gegessen, abends waren wir mit Thomas und Conny in ihrem schicken Gefährt auf einen Wein verabredet. Der Abend war wirklich schön und die beiden hatten echt jede Menge spannende Geschichte auf Lager. Wir waren so fasziniert von den beiden, dass wir auch den darauffolgenden Abend gemeinsam verbachten – wieder mit Wein und diesmal mit vielen konkreten Reisetipps und Hinweisen der beiden. Ihr Erfahrungsschatz ist für uns wirklich Gold wert. Schlussendlich hat die Begegnung auch dazu geführt, dass wir unsere Überwinterungspläne noch einmal grundsätzlich überdenken und mit dem Gedanken spielen, unsere Flüge nach Thailand zu stornieren und stattdessen doch durchgängig im Auto unterwegs zu sein.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit Trekking in der atemberaubenden Natur vom Al-Archa Park. Die Kinder haben die Touren wirklich gut mitgemacht und waren teilweise kaum zu stoppen. Am Nachmittag und frühen Abend sind wir an unserem Stellplatz immer auf große Gruppen Einheimische getroffen, die uns sehr warm und herzlich in ihrem Land willkommen geheißen haben und mit Plov versorgten. Das haben wir bereits öfters auf der Reise beobachten können: Sowohl die Russen, als auch die Kasachen und Kirgisen verbringen unheimlich gern Zeit draußen in ihrer tollen Natur – allerdings immer zum Essen und Feiern, nicht so sehr zum Bewegen oder Wandern 😉 Teilweise kommen auf einen Erwachsenen zwei große Beutel Lebensmittel, die in einen Nationalpark „getragen“ werden. Im Al-Archa Nationalpark haben wir Gruppen von Menschen mit 30 Kilo Gasflaschen und riesigen Schüssel (1,5 Meter Durchmesser – ungelogen) herumlaufen sehen – auf der Suche nach dem perfekten Platz für die Party.

Leider holte uns dann bald wieder die Realität ein – als wir nämlich nach drei wunderschönen Tagen wieder Richtung Bishkek zurückfahren wollten, sprang das Auto nicht mehr an. Sebastian probierte es so ausdauernd, dass irgendwann die Batterie leer war. Zum Glück war die Straße recht abschüssig und Thomas zog uns mit seinem LKW in die Fahrspur, so dass wir den Motor mit Rollen im zweiten Gang endlich zu Laufen bekommen haben. Der erste Weg in Bishkek führte also, nachdem wir die notwendigen Ersatzteile Glühkerzen und Vorglührelais besorgt hatten, wieder in die Werkstatt. Die waren nun aber der Meinung, dass es eigentlich nicht die Glühkerzen sein können (haben das aber trotz allem nicht so richtig getestet) und haben uns überredet stattdessen ein Spray zu kaufen, dass hochentzündlich den Motor auch bei niedrigsten Temperaturen sofort zum Laufen bringt. Aber auch andere Erledigungen standen an: Wäsche waschen, Kinder waschen, Einkaufen. Als alles erledigt war, haben wir uns nun endgültig von Bishkek verabschieden, allerdings nicht ohne noch einmal ausgiebig auf dem riesigen Bazar einkaufen gewesen zu sein.

Nächste Station war kurz hinter dem Too-Ashuu-Pass. Endlich wieder Berge. Wunderschönes Panorama. Alle happy. Bis zum nächsten Morgen, als das Auto trotz des Supersprays wieder nicht anspringen wollte.  Die Kinder und ich haben die Zeit zum Freundschaftsbänder knüpfen genutzt – Sebastian hat geflucht und gebetet. Gegen Mittag, als es auch auf 2800 Metern Höhe dann warm war, sprang das Auto dann doch an. Neuer Tag, neues Glück und neuer Stellplatz – der sollte nun definitiv weiter unten sein – am wunderschönen Toktogul-See mit perfektem Bergpanorama. Der Tag war wieder einmal gezeichnet von Extremen: Morgens reif am Too-Ashuu-Pass – Mittags Schneemann bauen am Alabelk-Pass und am frühen Abend schwimmen im Toktogul-See. Mittlerweile lachen wir nur noch darüber, aber jeden Tag stellen wir erneut fest, dass wir nun aber wirklich den schönsten Stellplatz der gesamten bisherigen Reise gefunden haben.

Tags darauf sprang das Auto übrigens wieder problemlos an. Da die Landschaft um den See herum zwar sehr schön war, unsere Kinder aber wieder nach Wald und Holz für Schwerter und Dolche verlangten, zogen wir weiter Richtung Arslanbob, dem größten Walnuss-Waldgebiet der Welt. Jedes Jahr werden hier ab Mitte September (wir haben mal wieder riesiges Pech mit unserem späten Timing) 400 Tonnen Walnüsse geernet. Angeblich hat Alexander der Große persönlich Bäume aus Arslanbob nach Griechenland mitgenommen und dort kultiviert. Walnüsse gelten als erstes Exportgut nach Europa. Wir haben einen kompletten Tag in den wunderschönen Wäldern verbracht und trotz bereits vier Wochen zurückliegenden Ernte unter dem vielen Laub noch etliche Walnüsse finden können. Das Wetter war mal wieder bombastisch und wir hatten einen wirklich wunderschönen Herbsttag.

Die böse Ernüchterung folge wieder am Morgen darauf, als das Auto trotz Sonnenschein nicht anspringen wollte. Also wiederholten wir das Spielchen der vergangenen Male: Kinder beschäftigen, hoffen und beten und warten bis zur Mittagshitze. Natürlich ist das keine Dauerlösung aber zumindest eine temporäre. Glücklicherweise sprang das Auto auch diesmal bei entsprechender Umgebungstemperatur an. Unsere Reisepläne änderten sich aber mal wieder dahingehend, dass wir möglichst zügig nach Osch gelangen wollten, um das Auto mal wieder in die Werkstatt zu bringen. In dem Hosten trafen wir zwei Pärchen, die ebenfalls motorisiert unterwegs waren. Die Männer kannten sich zum Glück beide sehr gut aus und so wurde stundenlang gefachsimpelt und beratschlagt – hier gesäubert, da nachgeschaut und schlussendlich ist Sebastian in eine Werkstatt gefahren, die die Glühkerzen dann ausgetauscht haben. Laut deren Aussage sollte das Auto nun schnurren wie ein Kätzchen. Mal sehen. Wir sind erst einmal wieder beruhigt und freuen uns auf das nächste Land unserer Reise: Usbekistan.

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