Reise

17 und 1 Nacht in Usbekistan

Wer sich einmal wie ein Popstar fühlen will, sollte mit dem Wohnmobil und kleinen Kindern nach Usbekistan reisen. Schon an der Grenze werden wir an der wartenden Schlange Einheimischer vorbei direkt zum Schlagbaum gewunken, auf den Autobahnen immer wieder begeistert angehupt und angewunken und manchmal auch ausgebremst und angehalten – zum Selfie-Machen. Überhaupt wird man ständig fotografiert, insbesondere den Kindern wird dabei eine Menge nicht immer willkommener Zuneigung in Form von Drücken oder Durch-die-Haare-wuscheln zuteil. Dies liegt zum Teil an der Haarfarbe – selbst das Straßenköterblond unseres Nachwuchses ist hier eine Rarität und ich bin froh, dass das Skalp-Sammeln hier nie ein in Mode gekommen ist.

Fotoshooting
Picture time

Im Alltag begegnen sich die Usbeken mit bislang unerlebtem Respekt und ausgesuchter Höflichkeit – bei den meisten eröffnenden oder abschließenden sozialen Interaktionen wie Dank, Begrüßung oder Verabschiedung wird mit Hand auf der Brust und niedergeschlagenen Augen eine kleine Verbeugung vollführt und man wird zumindest mit einem Lächeln belohnt wenn man etwa auf „As-salam aleikum“ (Friede sei mit Dir/Euch) auch die entsprechende Erwiderung „Aleikum as-salam“ zustande bekommt. Diese aufmerksamen und sehr höflichen soziale Konventionen sorgen auch bei andernorts eher unangenehmen Interaktionen wie fehlgeschlagenen Preisverhandlungen für ein sehr zivilisiertes und gesittetes Miteinander, welches wir als sehr angenehm empfinden.

Überall am Wegesrand werden landwirtschaftliche Erzeugnisse verkauft – hier Melonen

Landschaftlich betrachtet ist Usbekistan, insbesondere nach den malerischen Gebirgsketten Kirgistans, nichts worüber man viele Worte verlieren muss. Direkt hinter der Grenze beginnt das Ferganatal, welches als die Kornkammer Zentralasiens gilt. Stundenlang fährt man an Reis, Erdnuss- und Melonenfeldern vorbei, was uns allerdings nach den Wochen in den kirgisischen Bergen zunächst eine willkommene Abwechslung ist.

Wie man sieht, sieht man (landschaftlich) nicht viel

Im Ferganatal liegt mit Margilan auch eines der Zentren usbekischen Kunsthandwerks. Dort gibt es neben hervorragendem Fladenbrot auch eine alte Seiden- und Baumwollmanufaktur. Diese ist nicht nur sehenswert, weil man dort die einzelnen Stufen der Seiden-, und Baumwollverarbeitung (anhand von Schauvorführungen) nachvollziehen kann, sondern auch, weil die Belegschaft äußerst kontaktfreudig und offen auf Augenhöhe immer wieder das Gespräch sucht (meist dank Paula als Einstieg) und ungeniert nach Alter, Anzahl der Kinder, Beruf und Einkommen fragt und über selbiges bereitwillig Auskunft erteilt.       

Seidengewinnung aus den Puppen der Seidenraupe
Hier entsteht ein Seidenteppich – Produktionsdauer: 9 Monate, Kosten: 3000 Dollar
Färbung von Baumwolle

Apropos Baumwolle: Usbekistan ist (je nach Quelle) der dritt- oder fünftgrößte Baumwollexporteur der Welt und auch im Ferganatal reiht sich (ab und an von anderen Nutzpflanzen unterbrochen) ein Feld ans andere. Die Baumwollproduktion in Usbekistan hat eine durchaus unrühmliche Geschichte. Das Joseph Stalin in den 20er Jahren in der Gegend des heutigen Usbekistan riesige Baumwollplantagen hatte anlegen und für dieses feuchtigkeitshungrige Gewächs auch Unmengen an Wasser von den Zuflüssen des Aralsees in die nötigen Bewässerungsanlagen abzweigen ließ, war bis auf einen kläglichen Rest das Todesurteil des einstmals fünftgrößten Binnengewässers der Welt und Ursache einer der größten, einzeln vom Menschen zu verantwortenden Umweltkatastrophen.

Doch auch ohne See war die Baumwollernte viele Jahrzehnte problematisch: Noch bis vor wenigen Jahren wurde gut ein Zehntel der Bevölkerung (vor allem Staatsangestellte aber auch Minderjährige) jedes Jahr aus Schulen, Krankenhäusern und Behörden auf die Felder zur Ernte gezwungen um das weiße Gold, welches einen bedeutenden Beitrag zum usbekischen Staatseinkommen leistet, innerhalb von zwei Monaten unter teils prekären Bedingungen von den Feldern zu holen. Mittlerweile scheint sich die Lage gebessert zu haben – zumindest offiziell ist Zwangsarbeit verboten und Subventionen sollen die Pflückerei finanziell attraktiv genug für eine hinreichende Anzahl an Freiwilligen gemacht haben.  In unserer dritten Nacht in Usbekistan können wir uns ein grobes Bild davon machen, was dies lebenspraktisch für die Erntehelfer bedeutet.

Hilfe in Schieflage

Nachdem wir im Ferganatal bislang größere Mühen hatten, gute Schlafplätze zu finden, das erste Mal das festgefahrene Auto mit Sandblechen und Schaufel aus der Wüste buddeln mussten und in einem Graben fast gekentert wären, halten wir am dritten Tag in der Dämmerung bei einem Zeltlager welches von einem gemütlichen und (wie sollte es auch anders sein) freundlichen und höflichen Usbeken gehütet wurde. Nach kurzer Konversation stellt sich heraus, dass es sich um eine Unterkunft für 300 Erntehelfer handelt, welche in der gerade beendeten Erntezeit in den Zelten geschlafen, sich in den Gemeinschaftsduschen gewaschen und den aufgereihten Grubentoiletten Ihre Notdurft verrichtet hatten. Wir parken im Zentrum des Arrangements, werden zu Tee und Snacks eingeladen, revanchieren uns mit Abendessen und bekommen am nächsten Tag eine Führung durch die Anlage und die angrenzenden Felder inklusive einer Erläuterung der Fruchtfolge und des Verdienstes der Pflücker (10 Cent pro Kilo).

Das Zeltlager der Baumwollpflücker
Das Zeltinnere mit Schlafpritschen
Der nette Verwalter erklärt Baumwollanbau und -ernte

Der handelsübliche Pauschaltourist kommt natürlich nicht nach Usbekistan, um bei der Baumwollernte zuzusehen, sondern um sich die Perlen des Orients und ehemaligen Seidenstraßenmetropolen Samarkand, Bukhara und Khiva anzuschauen. Dort werden wir Teil einer Verwertungsmaschinerie und der anonymen Masse an Amerikanern, Holländern, Japanern und anderen Deutschen, die in großen Gruppen überall in den Zentren anzutreffen sind. 

Samarkand

Zumindest Samarkand ist touristisch hochgradig erschlossen: Die wenigen aber dafür umso eindrucksvolleren Sehenswürdigkeiten wie der Registon-Platz, eine imposante Anordnung dreier alter Madrasas (Schulen / Universitäten) sind aufwendig restauriert und auf Hochglanz poliert und mit Souvenirläden gefüllt. Dort wo Studenten einst Islam- und Naturwissenschaften paukten, verkaufen mindestens ebensoviele kleine Händler heute Taschen, Seidengewänder, bemalte Keramik und vielerlei Tand und Tinnef.

Der Registon Platz bei Nacht
Hinter jedem dieser Fenster befindet sich ein Zimmer, in dem Koran und die Schriften antiker Philosophen studiert wurden.
Man spricht Deutsch
Die Kuppel der goldenen Moschee

Wenn wir in. Städten sind, verbringen wir die Nächte meist vor oder in Hostels. Wir schlafen zwar nach wie vor im Auto, können gegen eine Gebühr aber Küche, Gemeinschaftsräume und Badezimmer benutzen. In Hostels findet der Großteil des Unterrichts der Kinder statt und in Hostels treffen wir die meisten Menschen mit denen man aufgrund gemeinsamer Sprache mehr als fünf Worte wechseln kann.

In Samarkand begegnen wir Shahwali, einen Deutschen afghanischer Herkunft, der Ende der 70er Jahre mit seiner Familie vor der sowjetischen Invasion gerflüchtet ist. Er bereitete nicht nur afghanische Makkaroni zu (unglaublich leckere Schichtnudeln mit Hackfleischsauce, Quark, Frühlingszwiebeln und getrockneter Pfefferminze) sondern bei geschätzten 15 Litern Bier (auf 3 Abende verteilt) auch ein großes Schicksal aus, welches als Mitglied der afghanischen Herrscherfamilie begann (wir saßen einem leibhaftigen Enkel des letzten afghanischen Schahs und Sohns des Oberbefehlshabers der Streitkräfte gegenüber) und nach Flucht, langen Jahren des Versuchs, Teile des Familienbesitzes wiederzuerhalten und einer Näherei in Berlin Moabit glücklich bei einer Liebesheirat in Tadschikistan vorerst endete. War diese Herkunftsgeschichte auch recht unwahrscheinlich (wenn auch nichts unmöglich) so zollten wir zumindest der Leistung Respekt, sie auch mit 3 Litern Bier intus noch kohärent wiederzugeben und lauschten gebannt den Geschichten eines Mannes, der mit einem herzlichen Lachen und einer Geste seines Armes aus wildfremden Menschen eine Tafelrunde formen konnte. 

Afghanische Makkaroni kredenzt von einem (mutmaßlichen) Enkel des letzten Schahs

In Bukhara sind die Sehenswürdigkeiten alle eine Nummer kleiner als in Samarkand, dafür aber in solcher Fülle vorhanden, dass man auch zwischen den wunderschönen Ensembles von um Wasserbassins drapierten Moscheen mitsamt teils turmhoher Minarette, Madrasas und Teehäusern immer wieder eine alte Schule findet, die sich im Zustand des Verfalls befindet und als Materiallager für Bauarbeiten zu dienen scheint. Auch hier gibt es touristische Infrastruktur in Hülle und Fülle aber es verteilt sich besser als in Samarkand und ist daher auch nicht so aufdringlich.

Überall in Bukhara befinden sich Wasserbassins mit malerischer Bebauung und Bepflanzung


Khiva legt dann noch eine Schippe drauf – dort ist die ganze von einer Festungsmauer umringte Altstadt noch erhalten und man kann auf einer Fläche von nahezu einen halben Quadratkilometer sich der Illusion hingeben, durch eine mittelalterliche orientalische Stadt zu schlendern (unter der Annahme, dass auch damals schon an jeder Ecke Pelzmützen, Taschen und bemalte Teller feilgeboten wurden).   

Die Festungsmauern Khivas


Während Rebekka und ich versuchen, die historisch-kulturellen Seiten der besuchten Städte zu erleben, erfreuen sich die Kinder an handfesteren Dingen. In Usbekistan finden wir die ersten richtigen Eisdielen seit Monaten wo zu Taschengeld schonenden Preisen Softeis in diversen Farben und Geschmacksrichtungen feilgeboten wird. Und die erhaltene Menge wächst exponentiell zum Preis: Für 10 Cent gibt es eine normale Eistüte, für 30 Cent muss man die Eismassen in der Tüte dann schon sorgfältig ausbalancieren und für 50 Cent gibt es den Buddeleimer voll mit Übelkeitsgarantie für mehrere Kinder.

Usbekistan gehört auf jeden Fall zu den Höhepunkten unserer bisherigen Reise.Die Höflichkeit und Herzlichkeit der Menschen, die immer bescheiden und demütig auftreten, aber selbst an der Tankstelle um den Dieselpreis feilschen und die faszinierende Andersartigkeit der Kultur, die für uns einen Abschied von der russischen und einen Einstieg in die arabische Welt darstellt, werden uns lange in Erinnerung bleiben. 

Am letzten Abend in Usbekistan übernachten wir bei einem „Turm der Stille“, einer alten rituellen zoroastrischen Beerdigungsstätte mitten in der Wüste. Es ist knackig kalt, nachts werden es deutliche Minusgrade und wir erwachen mit gefrorenen Fenstern.

Der Turm der Stille

Der Abschied von Usbekistan ist auch ein vorläufiger Abschied vom guten Wetter, welches uns seit Kasachstan niederschlagsfrei mit Mitte 20 Grad Tageshöchsttemperatur verwöhnt hat. Auch in Zentralasien wird es irgendwann mal Herbst und damit kalt und für Turkmenistan, unsere nächste Station, werden nachts bis zu -7 Grad angesagt- wir freuen uns (trotzdem) drauf.

Ein Kommentar

  • Dilafruz

    Hi!how are you doing recently?I am really glad to see you from there.Go ahead good luck:)I believe in you can get a real tour-knowledge where you go!

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