Reise

Erste Station in Litauen

Jetzt sind wir bereits einige Tage unterwegs und haben bereits die ersten 1.500 km hinter uns gelassen. Das Auto fährt erfreulicherweise wie geschmiert und auch die ersten Offroad-Etappen hat es, ohne mit der Wimper zu zucken, gemeistert.

Nachdem wir auch wetterbedingt in knapp drei Tagen mit einem kleinen Abstecher in die Masuren durch Polen gehastet sind, wollten wir uns in Litauen etwas mehr Zeit lassen. Unser erster Rastplatz lag an einem großen See der sich umgeben von einem schönen saftig-grünen Mischwald im spärlich besiedelten südlichen Teil von Litauen befindet. Wir kamen recht schnell mit einem Einheimischen in Kontakt, der sich später als Arvydas vorstellte und insbesondere von „Madame Paula“ so angetan war, dass er sie immer wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten (Melone, handsignierter Tennisball) bedachte und durch sie wohl an seine eigene, mittlerweile 40-jährige Tochter erinnert wurde.

Nach unserer ersten Nacht stand er am Morgen vor unserem Wohnwagen und meinte, dass er uns jetzt den See zeigt. Also stiegen wir in seinen alten Opel Vectra und wurden zu einem verwunschen Weiher tief im Wald, einem alten Fischerdorf, den Ruinen der im 2. Weltkrieg von den Sowjets niedergebrannten Kirche sowie den Fundamenten einer Befestigungsanlage aus der Bronzezeit geführt. Fast wichtiger noch als die Zeugnisse der eigenen Kultur schienen Arvydas allerdings die der amerikanischen zu sein, die er uns mit allerlei Superlativen versehen, immer wieder zwischendurch auf seinem Smartphone präsentierte. Er zeigte uns die beste Band der Welt (Dream Theater, natürlich), den weltbesten Drummer (den von Dream Theater, natürlich), die beste Sängerin (Jewel, erstaunlicherweise nicht von Dream Theater) und er führte uns die weltbesten Kopfhörer vor, um Dream Theater zu hören (mit Maximallautstärke Madame Paula auf den Kopf gesetzt).

Am Abend wollten wir eigentlich das erste Mal über dem offenen Feuer kochen – leider war das Holz nach einigen Tagen Dauerregen dermaßen feucht, dass ihm außer einer Menge Qualm nichts nennenswertes zu entlocken war, sehr zur Enttäuschung unserer Jungs, die laustark meine Outdoorqualifikationen anzuzweifeln begannen.

Nach zwei schönen, wenn auch feuchten Tagen am See nahmen wir Abschied von Arvydas (der Madame Paula vermutlich gern behalten hätte) und begaben uns nach Vilnius, der litauischen Hauptstadt.
Hier nahmen wir uns einen Tag, um die Stadt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu erkunden, deren technische Austattung (Ladestationen für Smartphones) erstaunt von unseren Kindern bewundert wurde.

Eine Stadtbesichtigung mit drei Kindern ist immer eine Herausforderung und leider können unsere knapp 9-jährigen Schulkinder einer barocken Altstadt nicht halb so viel abgewinnen wie wir, so dass wir diese schöne Stadt leider nur im Modus der gestressten Hektik wahrzunehmen vermochten. Hängen geblieben ist dann doch insbesondere das Viertel Užupis, in dem im Jahr 1997 eine eigene (Spaß-)Republik inklusive eigenem Präsident, eigener Währung und eigener Armee ausgerufen wurde und die insbesondere von (Lebens-)Künstlern bewohnt wird. Leider gibt es im ganzen Viertel nicht eine vernünftige Eisdiele, so dass wir Gemälde, Installationen und Graffiti nur mit eingeschaltetem Nörgelfilter genießen konnten.

Am nächsten Tag brachen wir nach unserer voluminösen Morgenroutine um den späten Vormittag auf und fuhren bis zum frühen Abend gen Norden, nicht ohne einen Abstecher zur Wasserburg Trakai, einer imposanten und vollständig restaurierten Inselfestung, zu machen. Am späten Nachmittag fanden wir unseren ersten wilden Zeltplatz wo wir neben Anglern und zwischen zwei relativ stark befahrenen Straßen dann doch noch ein Feuer in Gang bekamen und das erste über dem Feuer bereitete Mahl zu uns nehmen konnten.

Tag darauf fuhren wir zum Berg der Kreuze, einem surrealen katholischen Wallfahrtsort inmitten eines Teils von Litauen, der ansonsten neben einer dichten Storchenpopulation und ländlichem Charme eher wenig zu bieten hat. Dieser Hügel ist mit einem Wald aus zigtausenden Kreuzen und Rosenkränzen aller Formen, Materialien und Größen übersäht, welcher, der touristischen Infrastruktur vor Ort sei Dank, von jedem zweitem Besucher noch vergrößert wird.

Am Nachmittag überquerten wir die Grenze nach Lettland und hielten an einem schön ruhig gelegenen Zeltplatz unweit der Hauptstadt Riga. Bislang pendeln wir noch ziemlich zwischen abfallendem Alltagsstress und Urlaubsstimmung, was sich insbesondere in einem noch nicht ganz etablierten Rhythmus äußert. Auf der einen Seite schreiben alle drei Kinder jeden Abend mit Hingabe Tagebuch und auch das Videotagebuch, welches Rebekka jeden Abend mit einem anderen Familienmitglied aufzeichnet, findet immer wieder mehrere Freiwillige. Auf der anderen Seite sind Schmetterlinge, Bälle und Spielplätze und der späte Sonnenuntergang immer interessanter als die Zahnbürste, der zu deckende Tisch oder das gemachte Bett, so dass auch das Schimpfen nicht zu kurz kommt.

Aber reisen will gelernt sein und wir üben noch und freuen uns schon auf die nächsten noch entspannten Etappen in Lettland und Estland bevor es dann am 25.07. zur russischen Grenze und dann bald auch in den Schulalltag auf Reisen geht.

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