Reise

Wenn man nach Russland will, darf man durch Estland

Nachdem wir im wunderschönen und geselligen Gaujatal einige Tage länger verweilt hatten als ursprünglich geplant, war unsere Zeit in Estland denkbar knapp. Nur 5 Tage blieben uns bevor wir nach Russland weiterreisen wollten. So ließen wir schweren Herzens einige Sehenswürdigkeiten, wie die Inseln im Osten des Landes, die uns zuvor in hohen Tönen angepriesen worden waren, links liegen und konzentrierten uns auf das letzte Mal Strand (für eine längere Zeit) und die Hauptstadt Tallinn. 

Am ersten Tag hatten wir vor, an der Ostküste wild zu campen. Als wir nach einiger Suche noch immer keinen geeigneten Platz gefunden und die Kinder bereits mehrfach das Ende ihrer Geduld lautstark kundgetan hatten, fuhren wir an einem einsamen Landhaus vorbei. Man muss uns unsere zunehmende Verzweiflung schon von weitem angesehen haben, denn kaum waren wir bis auf wenige Dutzend Meter herangekommen, kam eine nette ältere Dame auf uns zu und lud uns ein, die Nacht auf ihrem Grundstück zu verbringen. 

Es war eine der schönsten Stellen, die wir bislang für eine Rast aufgesucht hatten – direkter Meerzugang, einsamer Wiesenstrand und ein altes, leise vor sich hin moderndes Fischerboot direkt neben dem Auto sorgten beinahe schon für ein Übermaß an Idylle. Die Bewohner des Landhauses stellten sich als finnisches Ehepaar heraus, die sich, nach 40-Jahren im IT-Business, das estische Sommerdomizil gegönnt hatten und die sich, trotz mittlerweile gerichtlichen Auseinandersetzungen mit den letzten Feriengästen, ihre Gastfreundschaft erhalten hatten.

Mehr noch als in Litauen und Lettland, sind Estlands Wälder einen Abstecher wert: Dunkelgrüne Misch- und Kiefernwälder ziehen sich die gesamte Küste entlang und bergen Unmengen an Blaubeeren, Pilzen (zumindest den gefüllten Körben der Esten nach zu urteilen), aber auch Myriaden an blutsaugenden Insekten. Am zweiten Tag hielten wir auf einen Tipp von Christian und Karen auf dem Weg nach Norden im Wald und fanden binnen einer halben Stunde Kistenweise Blaubeeren, die ihrer Größe nach den hochgezüchteten Supermarktvertretern in nichts nachstanden. 

Diese reiche Ernte erkauften wir jedoch auch mit einigen Millilitern Blut denn die Bremsen und Mücken waren derart zahlreich und blutdurstig, dass unsere zwei Helden Jakob und Emil bereits nach fünf Minuten Zuflucht im Wohnwagen suchten. Nur Paula die Unerschrockene hielt bis zum Ende durch und verhalf mir infolge rechtzeitiger Tipps („Papi, du hast eine Bremse am Po!“) zu einigen befriedigenden Epic Kills.

Nach einem ruhigen Tag an der nördlichen Ostseeküste auf einem nicht weiter erwähnenswerten ebenfalls Mücken- und Bremsen geplagten Zeltplatz fuhren wir für einen reichlichen halben Tag nach Talinn, die mittelalterliche Perle des Baltikums. Im Gegensatz zu Vilnius, wo die Sehenswürdigkeiten relativ über die Stadt verteilt waren, konzentriert sich die hervorragend erhaltene mittelalterliche Altstadt von Tallinn um den zentralen Burgberg herum, so dass man sehr kinderfreundlich die Highlights in wenigen Stunden erlaufen kann (natürlich wie üblich gänzlich ohne Museensbesuche oder längere Aufenthalte an einem Ort). Da blieb dann zumindest der Eindruck einer wunderschönen kompakten Stadt mit vielen verwinkelten, engen Gassen, die man sich getrost nochmal anschauen kann.

Eine Arbeitskollegin hatte uns über diesen Blog kontaktiert und vorgeschlagen, dass wir einen kurzen Zwischenhalt bei Ihren Eltern in Narva, der Grenzstadt zu Russland, einlegen könnten – ein Angebot, dass wir gern annahmen nicht zuletzt deshalb, weil uns vor dem bevorstehenden Grenzübertritt nach Russland Tipps und Hinweise von Einheimischen höchst willkommen waren.

Kaum waren wir angekommen, stand auch schon ein frischbereitetes Mahl aus einem kräftigen Eintopf und einer Art Grieß-Quarktaler auf dem Tisch, welche vor allem von unseren Kindern derart überschwenglich gelobt wurden, dass sie von da an zu jeder Mahlzeit gereicht wurden. Abends nahmen wir gemeinsam „Medizin“ ein (so wurde die Dosis an alkoholischen Getränken genannt, die einen noch über dem Tisch sitzen lässt und der 6-jährige Enkel, der die Sommerferien bei seiner Oma verbrachte, war ein willkommener Spielgefährte.

Alles in allem wurden wir mit einer umwerfenden Gastfreunschaft empfangen, die auch umfängliche Unterstützung bei der Erledigung der Grenzformalien mit einschloss (welche wir insgesamt zu sechst mit den Nachbarn erledigten). Einzig die Lebendigkeit unserer Kinder gab uns zuweilen innerbalb der Idylle des gepflegten und friedlichen Hauses und Gartens das Gefühl als wären die Hunnen erneut ins römische Reich eingefallen und seitdem rangiert adäquates Verhalten bei wohlwollenden Gastgebern einsam an der Spitze der Erziehungs-Todo-Liste. Einzig der russische Kinderkanal vermochte es, unsere jungen Wilden zu paralysieren.

Apropos Grenzformalitäten. Das Verfahren von Estland aus die russische Grenze zu überschreiten ist an und für sich sehr gut durchdacht und auf Minimierung der Wartezeit optimiert. Einige Tage vor der Einreise bucht man einen Zeitslot über ein Webapplikation und wird ca. eine halbe Stunde vor Aufruf per SMS verständigt. Leider haben wir wir uns darüber erst einen Tag vorher informiert so dass die einzig verfübaren Zeitslots 0:00 Uhr oder 23:00 waren. Da wir nicht länger warten wollten, buchten wir den Mitternachtsslot. Das fand Irene, unsere Gastgeberin, allerdings inakzeptabel und fuhr mit uns zur Grenze, um nach längerem Einreden auf den estischen Beamten der „Waiting area“ diesem die Zusicherung abzuringen, uns auch am nächsten Vormittag durchzulassen.

Dieser wollte natürlich am nächsten Vormittag nichts mehr davon wissen und wollte uns erst um 23:00 Uhr drannehmen. Erst einige Minuten beharrlichen Nachfragens gepaart mit Gesten der Hilflosigkeit ließen ihn sichtlich entnervt aufgeben und so kamen wir nach erneuter Entrichtung der Registrierungsgebühr doch noch zu unserem Vormittagsslot. Relativ nervös fuhren wir zur Grenze (würden sie das Auto auf den Kopf stellen oder vielleicht sogar wiegen, wie viel Schmiergeld würde uns das kosten) aber diese Nervosität war unbegründet: sehr freundlich, routiniert, professionell und oberflächlich wurden die insgesamt 4 Kontrollen durchgeführt und nach ungefähr 4 Stunden rollten unsere Reifen endlich über die ersten Meter russischen Bodens.

Unser Visum gilt 3 Monate, das Auto läuft nach wie vor wie am Schnürchen, der Diesel ist spottbillig und wir freuen uns schon auf unsere nächsten Stationen: St. Petersburg (wo dieser Post gerade geschrieben wird) und Moskau.

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