Reise

Geschenke, Ruinen und Pannen in Sichtweite des Ural

Nachdem wir mit St. Petersburg und Moskau die beiden größten russischen Metropolen hinter uns gelassen hatten, begann, so dachten wir, das eigentliche Abenteuer. Das Uralgebirge und endlose sibirische Weiten, schlechte Straßen und Begegnungen mit Meister Petz konnten nur noch eine Frage der Zeit sein. Aber wie so oft kommen die Dinge anders als gedacht.

Unsere erste Station nach Moskau war Susdal, in dessen Nähe wir abends an einem Fluss unser Lager aufschlugen nicht ohne zuvor auf dem Weg aus Moskau heraus noch 4h im Stau gestanden zu haben. In Susdal selbst, der laut Reiseführer schönsten Stadt des Goldenen Rings, einer Ansammlung alter Städte, die als die Wiege der russischen Nation gelten, verbrachten wir trotz gedrängter architektonischer Hochkultur einen harmonischen Nachmittag mit unseren mittlerweile recht kulturmüden Kindern.

Nachmittags fuhren wir noch gut 200km zu einem vermeintlichen Nationalpark, der sich als unerschlossenes Naturreservat entpuppte. Um dorthin zu gelangen, musste man einige Kilometer einen sandigen Weg entlangfahren, der durch ein malerisches altes Dorf mit wunderbar restaurierten und bunt bemalten Holzhäusern führte. Ein Mann und sein Sohn grüßten freundlich von ihrem Moped, einige andere Dorfbewohner schüttelten die Köpfe als sie sahen wie wir uns mit unserem Wohnmobil durchs Unterholz quälten. Nach weiteren 5 Kilometern durch den Wald hörte der Weg einfach auf – praktischerweise an einem wunderschönen Stellplatz unweit eines Sees wo Rebekka und die Kinder wenig später in einer halben Stunde 3 kg Pfifferlinge sammeln konnten.


Kaum waren wir angekommen, überholten uns Mann und Sohn auf Moped und hielten neben uns an. Mit Händen und Füssen machte uns der Mann (Alexej) verständlich, dass er seinem Sohn gern ein Wohnmobil zeigen wollte und uns deshalb hinterhergefahren war – die Führung gaben wir natürlich gern.

Mit Wohnmobil gehört man zweifelsohne zu den Exoten ab Zentralrussland. Begegnete man in und zwischen St. Petersburg und Moskau noch hin und wieder einem anderen Automobilreisenden kam dies nach Moskau definitiv nicht mehr vor. Leute fuhren uns hinterher, hupten uns an oder starrten einfach unverhohlen minutenlang in unsere Richtung – wer gern die Aufmerksamkeit wildfremder Menschen genießt und weder zum Schauspieler noch zum Popmusiker taugt, muss für diese Erfahrung nur mit dem Wohnmobil nach Russland.  

Am nächsten Morgen regnete es in Strömen und wir brachen noch vor 8 Uhr auf, aus Sorge, dass wir die Sandpiste im nassen Zustand nicht mehr befahren würden können. Um nach den längeren Aufenthalten in den Wochen zuvor etwas Strecke zu machen, hatten wir geplant, bis Kazan zu fahren. Für die knapp 450 km brauchten wir reichliche 10 Stunden und waren entsprechend müde und entnervt. Wir hatten vor, das Auto bei einem Hostel zu parken um zugleich im Auto schlafen und Küche und Waschmaschine nutzen zu können. Das Hostel war in einer Seitenstraße, die aufgrund ihres Zustands nur von einer Seite befahrbar war (das herauszufinden, kostete uns zwei Runden durch die Innenstadt). Auf den letzten Metern begann der Motor zu qualmen und die Gänge ließen sich nur noch mit Gewalt wechseln – wir waren definitiv an diesem Abend mit den Nerven am Ende. Ein kurzes Telefonat mit unserem privaten Werkstattdienst in der Heimat beruhigte uns jedoch wieder – vermutlich war der Motor nach der langen Fahrt einfach nur überhitzt.

Der nächste Tag brachte wolkengussartige Regenfälle und offenbarte ein dringenderes Problem – das bereits seit dem Baltikum undichte Dacht hielt den Regenmassen nicht stand und an zwei Stellen regnete es regelrecht herein – passenderweise auch direkt über dem oberen Bett so dass Decken und Bezüge in Nullkommanix durchgeweicht waren. Das konnte so nicht länger bleiben. Nach einem kurzen Gespräch mit unseren Gastgebern und einigen Telefonaten später hatten wir einen Termin in einer Mercedes Vertragswerkstatt. Auch die Mechaniker dort hatten noch nie ein Wohnmobil gesehen und mussten erstmal eine knappe Stunde diskutieren, ehe sie sich darauf geeinigt hatten, wie die Löcher zu stopfen waren. Aber danach wurde geföhnt und geleimt und bislang hat es gehalten und der (leider ziemlich häufig fallende Regen) erfreut uns gottlob nur noch von außen.

In Kazan wollten wir bis zu Paulas Geburtstag bleiben. Nach dem Tortenfrühstück wurden Geschenke ausgepackt – die Highlights waren definitiv das russische Kleid und der traditionelle Kopfschmuck, den die Jungs einige Tage zuvor von ihrem Taschengeld für ihre Schwester gekauft hatten. Danach waren Paula, Kleid und Kopfschmuck nicht mehr zu trennen und wurden bei jedem Wetter angezogen – sehr zur Freude der Einheimischen, die uns und insbesondere Paula immer wieder lachend darauf ansprachen.

Tag darauf sollte es endlich weitergehen. Um Zeit zu sparen hatten wir uns für die südliche Route über Ufa entschieden und gegen die vermutlich schönere nördliche über Perm. Nach einem weiteren langen Fahrtag hielten wir in der Nähe einer Industriestadt in einem Wald, unweit einer langsam verfallenden Ferienanstalt.     

Auch dieser Wald war – wie so ziemlich alles in Russland, was regelmäßig von Menschen frequentiert wird – derartig zugemüllt, dass man sich zuweilen mehr wie auf einer Müllkippe als in der freien Natur wähnt. Müll ist wirklich allgegenwärtig, von Essensverpackungen, über Bierdosen bis hin zu alten Reifen oder dem Verfall preisgegebenen Autos scheinen die Russen einfach alles, was sie nicht mehr brauchen, an Ort und Stelle fallen oder stehen zu lassen.


Was für den Müll gilt, gilt gewissermaßen auch für Gebäude. Noch nie habe ich so viele Ruinen gesehen wie in Russland. In kleineren Städten oder Dörfern ist jedes dritte Gebäude unbewohnt und befindet sich in teils mehr teils weniger fortgeschrittenen Zustand des Verfalls. Das betrifft nicht nur Wohnbegäude wie die wunderschönenen Holzhäuser welche den Kern der meisten russischen Dörfer bilden, sondern auch Industriegebäude und Tankstellen – entlang der Autobahnen ist nahezu jede zweite Tankstelle außer Betrieb und teilweise bereits stark von Vegetation überwuchert – wer einmal einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie eine postapokalypische Welt ohne Menschen aussehen könnte, findet in Russland eindrucksvolle Inspirationen.

Am nächsten Morgen fuhren wir wieder relativ lang bis in die Nähe von Ufa. Am späten Nachmittag begann es wieder einmal in Strömen zu regnen und – noch schlimmer – die Gangschaltung machte uns erneut Probleme. Nachdem wir auch bedingt durch eine zweifache Zeitumstellung den Rastplatz erst in der Dämmerung erreichten, wurde klar, dass wir am nächsten Tag in Ufa erneut eine Werkstatt aufsuchen würden müssen.

Diese Fahrt zählte zu meinen bisherigen Tiefpunkten als Autofahrer. Bereits beim losfahren ließen sich die Gänge nur mit Gewalt wechseln und kurz darauf dann ging gar nichts mehr – es sei denn man machte während der Fahrt den Motor aus. Die Auffahrt auf die Autobahn, bei der ich gefolgt von hupenden LKW zweimal den Motor neu starten musste, werde ich so schnell nicht vergessen. Bis zu den Ausläufern der Millionenstadt ging das noch gerade so – aber nach den ersten Ampeln war klar, dass wir es mit unserem Auto in diesem Zustand nie im Leben in eine ordentliche Werkstatt schaffen würden. Mitten in einem Industrie- und Gewerbegebiet, einer Gegend, in der man als Westeuropäer geneigt ist, die Türen zu verriegeln und nochmal aufs Gas zu treten, konnten wir wortwörtlich mit Biegen und Brechen das Auto auf einen Parkplatz neben einer ganzen Reihe kleinerer undefinierbarer Geschäfte bugsieren.

Nach kurzem Zögern begann ich mich nach einer Werkstatt durchzufragen und nach einer kleinen Aufwärmphase waren die Menschen wie schon so oft unglaublich hilfsbereit. Da gab es Michail, der in einem Näh- und Strick- Großhandel arbeitete und mir nicht mehr von der Seite wich und mich mit Kaffee versorgte sowie die Angestellten von mindestens drei kleinen Werkstätten, von denen jeder mal (leider ohne Erfolg) am Auto herumschraubte. Nach einigen Versuchen wurde klar, dass das Auto in eine große Werkstatt mit Hebebühne musste. Da wir den Weg nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen konnte, musste ein Abschleppwagen her. Die Kommunikation mit dem ADAC lief reibungslos und nach unglaublich kurzen zwei Stunden war der Abschleppdienst schon da. Obwohl strikt verboten, durften Rebekka und die Kinder die Fahrt im Wohnwagen mitfahren. Diese Entscheidung bereute der Fahrer beinahe als in einer Polizeikontrolle einige Kilometer weiter (gottseidank) der Wagen vor uns herausgewunken wurde.

Nachdem wir uns eine AirBnB Wohnung genommen hatten und zum ersten Mal seit Wochen wieder den Platz und Komfort einer ganzen Wohnung genießen konnten, erreichte uns am nächsten Tag aus der Werkstatt eine Hiobsbotschaft – es gab mehrere Defekte und das größte defekte Teil, die Kardanwelle, war nicht mehr als Originalteil lieferbar. Wir könnten zwar auch mit der defekten Welle erstmal weiterfahren, aber auf keinen Fall die von uns geplante Strecke. Die Weiterreise stand auf Messers Schneide (ok, das war jetzt pathetisch, aber durchaus angebracht).

Wir setzten alle Hebel in Bewegung – ehemalige polnische Arbeitskollegen Rebekkas durchkämmten den polnischen Gebrauchteilemarkt und auch unser KFZ-Premiumsupport aus der Heimat machte sich auf die Suche. Zwei Tage später hatten wir verschiedene Optionen: Ein Neuteil aus Deutschland für einen horrenden Preis oder ein Gebrauchteil aus Polen für einen Bruchteil aber dafür in unbekannten Zustand. Aus Risikoerwägungsgründen entschieden uns für das Neuteil und dürfen jetzt die leider recht schmucklose Stadt Ufa im Detail kennenlernen während wir auf die Lieferung warten.  Aber die Jungs haben schon einige Fußballkumpel gefunden und wir nutzen die Zeit vor allem um mit dem Schulstoff der Jungs vorzuarbeiten.

Jetzt hoffen wir, dass das Teil schnell geliefert wird, dann auch passt und wir die Reise fortsetzen können. Wenn wir Glück haben, wird uns dieser Zwischenfall „nur“ zwei Wochen gekostet haben.

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